Was war eigentlich vor dem Wasserstoff-Hype?

Derzeit werden Anlegerinnen und Anleger von vielen Börsenmedien mit Empfehlungen zu Wasserstoffaktien eingedeckt. Wasserstoff ist angeblich die Zukunft. Schon diese These ist mehr als fragwürdig. Die Produktion von Wasserstoff ist sehr ineffizient und teuer ist sie noch dazu. Mehr als zwei Drittel der Energie gehen verloren, wenn der Wasserstoff aus Strom gewonnen und anschließend in einem Brennstoffzellenfahrzeug in Strom zurückverwandelt wird.

Wenn Wasserstoff nicht aus Storm gewonnen wird, dann wird er aus Erdgas gewonnen. Da könnten Autos auch gleich mit Erdgas fahren. Das wäre viel billiger und viel effektiver wäre es noch dazu.

Das alles stört den derzeitigen Wasserstoff-Hype nicht, wie sich am Kurs von Aktien wie zum Beispiel NEL ASA ablesen lässt. Er erklimmt seit Anfang des Jahres stets neue Höhen.

Was macht NEL ASA?

NEL ASA stellt Elektrolyseure her, die aus Wasser und mit Hilfe von Strom Wasserstoff produzieren. Elektrolyseure können auch viele andere Unternehmen herstellen. Hohe Margen sind hier nicht zu erzielen – und die hat das Unternehmen auch gar nicht. Verkauft es einen Elektrolyseur, dann macht es damit einen Verlust. Der Cash Flow von NEL ASA war in den vergangenen vier Jahren in zwölf Quartalen negativ. Das Unternehmen macht also Jahr für Jahr Verluste – die es über die Ausgabe von stets neuen Aktien und eine hohe Verschuldung finanziert.

Manche Unternehmen aus dem Bereich der Wasserstofftechnologien (wie etwa PLUG POWER) machen das schon seit 20 Jahren so – ohne je profitabel zu werden.

Der größte Teil des Handels mit der Aktie von NEL ASA findet in Deutschland statt. Das norwegische Unternehmen ist in die Mühlen des deutschen Wasserstoff-Hypes geraten, der von einigen Börsenbriefen initiiert wurde. Auch bei diesem Hype ist mit dem zu rechnen, was Warren Buffett gerne ein „bad ending“ nennt. Das Strohfeuer wird in sich zusammenfallen – wie all die Strohfeuer zuvor.

Die ARD hat gerade eine Serie über historische Hypes auf ihren Internetseiten gebracht. Die Liste von nicht einzuhaltenden Versprechungen und anschließenden Abstürzen ist lang. Manche, wie etwa der amerikanische Eisenbahnhype, fanden schon im 19. Jahrhundert statt. Und schon damals wurde Anlegern erklärt, dass die neue Technologie die Zukunft ist und alle Regeln der Wirtschaftlichkeit und der Profitabilität außer Kraft zu setzen vermag – ein Argument das seither wieder und wieder strapaziert wird.

Und was war vor dem Wasserstoff-Hype?

Im Moment ist Wasserstoff angesagt. Stellt sich die Frage: Was haben die Börsenbriefe eigentlich vorher empfohlen? Die Antwort lautet: Es waren Lithium-Aktien.

Die Begründung für den Kauf von Lithium-Aktien war ungefähr die gleiche wie nun beim Wasserstoff-Hype und wie auch schon beim amerikanischen Eisenbahnhype: Es ist die Zukunft. Es ist eine unglaubliche Chance. Es gibt unendliche Gewinne. Es gibt ein gigantisches Wachstum.

Der letzte Punkt mit dem gigantischen Wachstum ist im Fall von Lithium völlig richtig. Die Nachfrage steigt und steigt, wie die Grafik unten zeigt. Von gerade mal 30.000 Tonnen auf 150.000 Tonnen. Das ist in der Tat ein hohes Wachstum.

Führt ein hohes Wachstum auch zu hohen Gewinnen?

Von dieser wachsenden Nachfrage müssen die Aktien der Lithium-Produzenten allerdings nicht unbedingt profitieren. Erhöhen alle Hersteller zugleich die Produktion, dann ist sogar ein Preisverfall von Lithium möglich. Führende Beobachter des Lithium-Marktes gingen  schon lange von dieser Entwicklung aus. Und warnten.

Auch der Aktienmarkt hat natürlich bemerkt, dass die Bäume für Lithium-Produzenten keinesfalls in den Himmel wachsen müssen. Der Kurs der entsprechenden Aktien fällt nun schon seit 1 ½ Jahren. Kein Ende in Sicht. Werfen wir mal einen Blick auf den Chart von einem der größten Lithium-Produzenten, ALBEMARLE.

Hier kommt noch der chilenische Marktführer für Lithium, SQM:

Erstaunlich. Mit beiden Aktien haben Anleger in fünf Jahren keinen Cent verdient. Stattdessen kommt erst der Hype – und dann der komplette Abverkauf der Aktien. Es geht bei SQM von 12 Dollar bis hinauf auf 75 Dollar. Solche Ansteige (in dem Fall von rund 500 Prozent) sind das, was teure Börsenbriefe brauche, um sich zu verkaufen. 20 Prozent im Jahr reichen nicht – es müssen 20 Prozent im Monat sein. Deshalb setzen sie wieder und wieder auf Aktien, die angeblich das nächste „große Ding“ sind. Sie setzen auf den nächsten Hype. Und auf die Gier der Anleger.

Warum aber können die Aktien von dem enormen Anstieg der Nachfrage nach Lithium nicht profitieren? Die Antwort ist ganz einfach. Der hohe Preis von Lithium hat wie erwartet so viele Hersteller zum Ausbau der Produktion bewogen, dass immer mehr Lithium auf den Markt kommt. Die Folge, der Preis von Lithium fällt. Auch das sollten wir uns mal ansehen:

Der starke Anstieg im Preis für Lithium und der starke Anstieg in den Kursen von ALBEMARLE und SQM fallen also zusammen. Ihr Abstieg ebenso.

Der Verfall des Lithiumpreises hat einen tieferen Grund, den die Börsenmedien ihrer Kundschaft aus Gründen des besseren Verkaufs lieber verschweigen: Lithium ist auf unserem Planeten keinesfalls knapp. Es ist ein Rohstoff und bei Rohstoffen kommt es regelmäßig zu einer erhöhten Nachfrage die kurzfristig nicht befriedigt werden kann. Das führt zu steigenden Preisen und die führen zu einer höheren Produktion. Einer sehr viel höheren Produktion – mehr als der Markt aufnehmen kann. Und das führt zu fallenden Rohstoffpreisen.

Diesen ganzen Zyklus nennt man Boom-and-bust. Jeder der sich mit der Börse beschäftigt kennt diese Zyklen. Sie betreffen nicht nur den Rohstoffmarkt, sondern finden sich zum Beispiel auch im Bereich der Chipindustrie.

Kommt der bust, lassen die Börsenmedien ihre vorherigen Lieblinge bald fallen. Es ist einfach nicht mehr von ihnen die Rede. Und die Verluste der Anleger werden verschwiegen. Stattdessen wenden sie sich einem neuen Feld zu. Nach dem Lithium-Hype der Jahre 2015 bis 2018 waren das die Wasserstoffaktien. Wie NEL ASA.

Mein Fazit

Ist Lithium die Zukunft? Möglich. Ist Wasserstoff die Zukunft? Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Aber selbst wenn Lithium wie Wasserstoff die Zukunft wären – die hohen Gewinne werden mit anderen Aktien gemacht. Mit APPLE. Mit MASTERCARD. Mit ADIDAS. Mit AMAZON. Mit PLANET FITNESS. Ja, diese Aktien haben in der Vergangenheit Anlegerinnen und Anlegern ‚nur’ 20-25 Prozent pro Jahr gebracht, zu wenig, um sich für einen Börsenhype zu eignen wie ihn viele Börsenbriefe und auch Börsenmedien lieben. Aber alle diese Unternehmen haben starke Marken aufgebaut und hohe Eintrittshürden für ihre Märkte.

Die Zukunft gehört darüber hinaus auch der Software die unser Leben vereinfacht oder Unternehmen ihre Arbeit erleichtert und damit Firmen wie ZOOM, ZENDESK, THE TRADE DESK, OKTA, TWILIO und ALTERYX.

Lithium ist Lithium – und wird über den Preis verkauft. Wasserstoff ebenso. Deshalb gehört die Zukunft in den Augen von weder den Lithium-Aktien noch ihren Nachfolgern, den Wasserstoffaktien. Die Zukunft gehört, wie die Vergangenheit auch, starken Marken die starke Trends bedienen. Und die Zukunft gehört der Software, die unser Leben vereinfacht.